«»

Unsere Zukunft: Utopie, Dystopie und Gegenwartsbewältigung

 zurück

Es gab einmal eine Zeit, in der die Menschen noch glaubten, Politiker würden daran arbeiten, eine bessere Zukunft für alle zu gestalten. Kommunisten, Sozialisten, ja selbst das christliche Zentrum, sie alle hatten eine konkrete Vorstellung davon, wie diese Zukunft aussehen könnte. Alle Menschen würden friedlich zusammenarbeiten, um der Gemeinschaft Wohlstand und Glück zu garantieren. Heute, da wir wissen, dass selbst die perfektesten Formen der Demokratie nicht alle Probleme bewältigen können, die der menschliche Egoismus mit sich bringt, ist diese friedliche Utopie einer besseren Welt einem Zukunftsbild gewichen, dass die Literaturwissenschaft als Dystopie bezeichnet. Unter einer Dystopie versteht man eine alptraumhafte Fortentwicklung aller negativen Tendenzen unserer Zeit. Eine Utopie mit schlechtem Ausgang sozusagen.

 

Entstanden ist diese Angst vor der Zukunft im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, zu einem Zeitpunkt, als die ganze Welt unter verschiedenen Staaten aufgeteilt war, die immer festeren Zugriff auf ihre Bürger bekamen; gleichzeitig herrschte Enttäuschung darüber, dass die industrielle Revolution trotz allen technischen Fortschritts keine fühlbare Besserung der Lebensbedingungen für die Arbeiterschaft gebracht hatte.

 

Der Autor der ersten bekannten, heute noch viel gelesenen Dystopie ist H. G. Wells. Sein Roman „Die Zeitmaschine“ handelt von einem Zeitreisenden aus dem Jahr 1895, der sich in die weit entfernte Zukunft begibt. Was er berichtet ist als eine Warnung an die zeitgenössische Oberschicht zu verstehen. „Die Zeitmaschine“ ist ein politischer Apell, die Nöte der Unterschicht zur Kenntnis zu nehmen. Wenn all die Ladies und Dandys weiterhin so gleichgültig blieben, so Wells, könnte es zu einer Entwicklung kommen, bei der die Morlocks als Symbol der arbeitenden Unterschicht die Macht übernehmen und mit der nutzlosen Oberschicht nach ihrem eigenem Ermessen verfahren würden.

 

Eine andere weltberühmte Dystopie geht auf Aldous Huxley zurück. Er verarbeitet in seinem 1932 publizierten Roman „Schöne neue Welt“ die Bemühungen der kommunistischen und nationalsozialistischen Systeme, den idealen Bürger zu erschaffen, der nicht mehr für sich selbst, sondern für die Allgemeinheit lebt. Huxley beschreibt ein Horror-Szenario, in dem der Mensch nicht mehr Mensch, sondern ein optimal funktionierendes Rädchen im Getriebe des Staates ist. In dem selbst eine Oberschicht, die diese Ausbeutung des Einzelnen begreift und fördert, von der absoluten Notwendigkeit der Entindividualisierung überzeugt ist, um den allgemeinen Frieden und das Glück zu erhalten.

 

Die letzte der großen, heute noch viel gelesenen drei Dystopien ist George Orwells Roman 1984. Es ist das Resultat einer vollständigen Desillusionierung und Hoffnungslosigkeit. Orwell beschreibt die Tatsache, dass alle Staaten nicht das Wohl ihrer Bürger vor Augen haben, sondern die eigene Macht; dass alle Politiker nicht nach positiver Veränderung, sondern nach Machterhalt streben. 1984, veröffentlicht 1948 nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, schildert einen allmächtigen Staat, in dem selbst der nach Individualität strebende Bürger mit jeder dafür notwendigen Grausamkeit zur Konformität gezwungen wird.

 

Was bleibt danach noch übrig? Die Hoffnung ist geschwunden. Der Alptraum unausweichlich geworden.

 

Die moderne Trauma-Therapie ist davon überzeugt, dass man gegen Alpträume ankämpfen kann, indem man sie immer wieder nachspielt, sie zu Geschichten umformt und ihnen ein positives Ende andichtet. Und nichts anderes tut J. R. R. Tolkien in seinem Herrn der Ringe. Er entwirft ein Gegenbild zu unserer Welt, in der nichts, aber auch gar nichts an die Probleme des täglichen Lebens erinnert. Nur der ewige Kampf Gut gegen Böse ist derselbe geblieben. Und diesen Kampf müssen die Helden des Romans bestehen. Fantasy-Romane zeichnen sich dadurch aus, dass sie ein glückliches Ende haben. Und zwar gleichgültig, wie groß und übermächtig die Wesen sind, gegen die die Protagonisten zu kämpfen haben. Sie sind eine Art Selbstversicherung der Menschheit, dass am Ende doch alles gut ausgehen wird.

 

Kein Wunder, dass Fantasy heute zu einer der beliebtesten Literatur-Gattungen geworden ist, wesentlich beliebter als Science Fiction. Es handelt sich dabei sicher nicht um moderne Märchen mit Weltflucht-Tendenzen. Im Gegenteil. Strömungen wie „Urban Fantasy“ richten sich gerade an die Frauen, die voll im Arbeitsleben stehen und mit all den Schwierigkeiten umzugehen haben, die engagierte und erfolgreiche Frauen auch heute noch bewältigen müssen. Fantasy ist eben keine Weltflucht, sondern eine Art Urlaub vom Alltag; die Möglichkeit, den eigenen täglichen Wahnsinn in einem neuen Zusammenhang zu sehen. Fantasy bietet einen Sinn im Sinnlosen, der uns hilft, uns jeden Tag dem Leben neu zu stellen.